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Aufleuchten weiblicher Selbstbehauptung 

Die vielschichtige, in tausend Facetten ausgeschliffene Handlung ist Gesell­schaftsbild einer abergläubischen Epo­che und Psychodrama einer komplizier­ten Familienkonstellation. Gespielt wird bis 13. August. 

Von Susanne Ehrlich 

Eine Aufführung der Superlative erlebte das Premieren-Publikum der Domfestspiele 2022 mit dem monumentalen Drama "Die rebellische Hexe" von Autor und Regisseur Hans König. Das ästhetische Gesamtkunstwerk über eine grausame Episode der Verdener Stadtgeschichte begeisterte mit atmosphärischer Dichte, großartiger Schauspielleistung und faszinierender Spielfreude. Das Publikum fühlte sich vom ersten Moment an mitgerissen.

Das Stück handelt im Jahr 1616 zu einer Zeit, in der der "Hexenhammer" des Theologen und Inquisitors Heinrich Kramer als Bestseller weit vor der Bibel lag. Vor einer mehrdimensionalen Stadtkulisse entfaltet sich auf drei Spielebenen ein lebender Bilderbo­gen mit schönen Kostümen, authentischen Requisiten und einer Ausdruckskraft, die aus gemeinsamer Leidenschaft erwächst. 

Der Jesuit und Aufklärer Friedrich Spee (Nils Thönessen) durchschreitet in einem großartigen Prolog das fröhliche Gewusel eines geschäftigen Vormittags, an dem alle Bürger auf den Beinen sind. Er folgt dem brutalen Inquisitor Jan von Mödder (Jörg Outzen) und seinen Schergen, die auch in Verden Station machen, und warnt die Bürger vor den Folgen des Hexenwahns.

Die Dramatik steigt

In der Süderstadt lebt die schöne und kluge 15-jährige Handwerkertochter Margarethe Sievers (alternierend von Joelie Ef­fen­berger und Inga Müller gespielt). Sie leidet unter epileptischen Anfällen; zu­gleich hat sie sich mit einem Großbür­gersohn eingelassen und wurde prompt von ihm schwanger. Ihr Vater, der Steinmetz Hans Sievers, liebt seine Tochter über alles, steht aber unter dem unguten Einfluss seiner überehrgeizigen und kalten zweiten Ehefrau Gerda (Hil­trud Stampa-Wrigge), der die Stieftochter seit jeher ein Dorn im Auge ist.In der Premierenvorstellung hat Joelie Effen­berger die Margarethe Sievers mit grandioser Balance zwischen kindlicher Unschuld, weiblicher Raffi­nesse und innerer Stärke gespielt.

Bernd Maas spielt den Mann aus dem Volk zugleich mit tiefgründiger Lebensphilosophie und geradezu verstö­render Zerrissenheit und Trauer. Als Sievers feststellen muss, dass sein Kind Schande über sich gebracht hat, lässt er sich von Gerda überreden, sie zur Engelmacherin zu schaffen. Als das Mädchen während des Aborts einen schweren Anfall erleidet, wird die halbe Stadt Zeuge, wie Gerda es als Hexe bezichtigt. Nun nehmen die Dinge ihren Lauf; natürlich muss Marga­rethe – in der Premiere von Joelie Effen­berger mit grandioser Balance zwischen kindlicher Unschuld, weiblicher Raffi­nesse und innerer Stärke gespielt – auf die Folter. Dabei "besagt" sie vier wei­tere Verdenerinnen, und nun steigert sich die Dramatik von Augenblick zu Au­genblick. 

Der lebenslustige protestantische Bi­schof Sigismund (Jens Kramer) zieht die Grenze zwischen Genuss und Sünde nicht allzu scharf. Er lebt mit zwei Mätressen und einem kleinen Bi­schofs­sprössling sehr behaglich und sieht den Fanatismus von Inquisitor Jan von Mödder mit­ großer Skepsis. Ganz anders der Dom­prediger Eckbert, der mit seiner dahinsiechenden, aber omnipräsenten Mutter in fragwür­diger Schicksalsgemeinschaft lebt, sich für seine ausufernden sexuellen Fanta­sien mit verbissenem Masochismus gei­ßelt und sein sündiges Begehren mit sadistischer Brutalität an den verhassten Weibern ausagiert.

Unberechenbarer Psychopath

Die stumme Rolle des unberechenbaren Psychopathen, de­ren Schwerpunkt in ihrem virtuos ge­führten Mienenspiel liegt, meistert Uwe Pekau mit derartiger Glaubwürdigkeit, dass man sich zugleich vor ihm und um ihn ängstigen muss. Einen Höhepunkt liefert seine Traumfantasie vom lasziven Tanz all jener verführerischen Verdener Weiber, die er so sehr begehrt. Das Eintreten der lei­denden, gestrengen Mutter unterbricht die schwüle Glückseligkeit.

Die vielschichtige, in tausend Facetten ausgeschliffene Handlung ist Gesell­schaftsbild einer abergläubischen Epo­che und Psychodrama einer komplizier­ten Familienkonstellation, sie erzählt von Ausgrenzung, Zivilcourage und dem ersten Aufleuchten weiblicher Selbstbe­hauptung. Die Verdener Stadtgemein­schaft ist tief gespalten. Auch Richter Brendel (Jürgen Puls) und Bürgermeister Ordunus (Björn Emigholz) haben unter dem destruktiven Einfluss von Mödders das Gespür für das rechte Handeln verlo­ren. Doch die Bürger Verdens, allen voran die Frauen, zeigen sich im Lauf des grausigen Geschehens immer mehr bereit, ein zweites Mal nachzudenken, Mitgefühl für die Opfer zu entwickeln und schließlich die aberwitzige Logik des Hexenbeweises Stück für Stück als Lüge zu entlarven.

Stimmung und Dramatik des Stückes werden unterstrichen durch eine meis­terhaft durchkomponierte Bühnenmusik, die ebenso wie die bunten und aus­drucksstarken Cho­reografien der gro­ßen Volksszenen von Hans König stammt. Durch sie und die Chorgesänge des Vol­kes wird das Publikum immer wieder mitten ins Geschehen gezogen. Mit einer aus der runden Luke im Giebel des Bischofshau­ses ge­sungenen Renaissance-Arie er­schafft Christiane Artisi Momente überirdischer Schönheit und eine Ah­nung davon, dass das Gute über die bö­sen Geister zu sie­gen vermag.