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Grausames Ende eines jungen Mädchens

Domfestspiele Verden: Gleich zwei Schauspielerinnen verkörpern die Hauptfigur in dem neuen Stück "Die rebellische Hexe". Bei den Proben sind Inga Müller und Joelie Effenberger Freundinnen geworden. 

Von Susanne Ehrlich

Verden. Wie muss man sich eigentlich eine Hexe vorstellen? Dazu fällt jedem etwas anderes ein – aber sicher denkt niemand an ein zartes blondes Mädchen, klug, fleißig und dazu noch eine Augenweide. Doch genau so war die 16-jährige Verdenerin Margarethe Sievers, deren Leben sich grausam änderte, als sie vor fast genau 400 Jahren von ihren eigenen Eltern als Hexe "besagt" wurde. 

Dieses Entsetzen glaubwürdig zu vermitteln, fordert einer jungen Darstellerin sehr viel ab. Deshalb entschloss sich Hans König, Autor und Regisseur des neuen Domfestspiel-Stückes "Die rebellische Hexe", diese zentrale Rolle auf zwei Schultern zu verteilen. Die 18-jährige Domgymnasiastin Inga Müller aus Verden und die gleichaltrige Achimerin Joelie Effenberger, Schülerin des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums, haben sofort als Team zusammengefunden und sind froh über diese Lösung.

Schnell Freundinnen geworden

"Ich finde das schön, weil man genau sehen kann, wie die andere das macht, und man hat auch immer jemanden, mit dem man darüber reden kann", sagt Inga, die als 13-jährige beim "Brennenden Mönch" ein Bürger-Töchterlein war. Und Joelie, die zum ersten Mal dabei ist, nennt noch einen weiteren positiven Effekt: "Ich kannte hier zuerst noch niemanden, und ich war froh, dass wir uns so schnell kennen gelernt haben. Wir sind ja in allen Proben zusammen." Bald wurden die beiden gute Freundinnen. "Außerdem können wir viel voneinander lernen", findet Joelie, und Inga kann das nur bestätigen.

Aus ihrer ersten Domfestspiel-Erfahrung wusste Inga genau, was auf sie zukommen würde. "Ich war erst unsicher, ob ich das schaffen könnte, weil die Schule so viel fordert. Aber dann hat Hans mich gefragt, ob ich die Rolle übernehmen könnte, und da wusste ich eigentlich schon, dass ich das unbedingt wollte." Sie erbat sich Bedenkzeit und besprach sich mit ihren Eltern, und dann wurde sie eine von zwei "Margarethen". Joelie hatte in der Schule schon mehrere Theateraufführungen mitgemacht und war ziemlich neugierig auf die Domfestspiele. "Meine Mutter hat mir den Artikel gezeigt. Darin stand, wie man sich bewerben konnte, und das habe ich dann gemacht." Das Regie-Team schickte ihr direkt einen Text aus der Rolle der Margarethe. "Den musste ich gut auswendig lernen, und dann habe ich ihn vorgesprochen und vorgespielt." Und ehe sie sich's versah, wurde auch sie zur "temporären Hexe".  

Persönliche Gestaltung

Beide machen sich viele Gedanken über ihre persönliche Gestaltung der Rolle. "Es ist nicht leicht, sich in Margarethe hineinzuversetzen", findet Joelie. "Sie hat so viel durchgemacht, und man möchte die Emotionen möglichst genau wiedergeben." Aber gerade das sei auch sehr spannend", meint Inga. "Wir lernen viel über diese Zeit, und was sie mit den Menschen gemacht hat." Und natürlich seien auch viele schreckliche Szenen dabei, stellt Inga fest, "aber die machen mir jetzt gerade Spaß. Da kann man richtig aus sich rauskommen und auch mal einen Schrei ablassen." Danach, erzählt sie, gebe es immer einen Cut, und dann könne man sogar zusammen lachen. "Denn das Absurde der Situation ist dann irgendwie auch komisch, und dann können wir wieder runterkommen."

Beide finden es wichtig, sich von dem Schicksal, das hier erzählt wird, abzugrenzen. "Es ist schon ziemlich krass zu sehen, wie anders das Leben früher war und wie schnell es ging, von einem ganz normalen Mädchen zu einer Angeklagten zu werden", überlegt Inga. "Das nimmt einen schon mit, weil man weiß, dass es das wirklich gab, aber ich mache mir die ganze Zeit bewusst, das ich das nur spiele", ergänzt Joelie.

Vom Regisseur fühlen sie sich gut unterstützt. "Hans hilft uns bei jeder Szene, den richtigen Ausdruck zu finden. Er gibt uns viel Spielraum, um unsere eigenen Ideen einzubringen", sagt Joelie. Und Inga stellt fest, dass sich während des Spiels dadurch immer wieder kleine Unterschiede in der Interpretation der Rolle ergeben. "Hans möchte auch, dass das so bleibt."

Epileptischer Anfall

Eine echte Herausforderung ist es für beide, einen epileptischen Anfall zu spielen. "Ich habe mir Videos darüber angesehen", erzählt Inga, "und dann habe ich versucht, es so ähnlich zu machen." Joelie setzt hinzu: "Wir dürfen das nicht übertreiben, aber es muss auf der Bühne auch deutlich werden."

In den Aufführungen werden beide abwechselnd die Margarethe spielen oder ein Mädchen aus dem Volk verkörpern. Und auch das ist für beide sehr eigentümlich. Inga erklärt: "Im Volk ist es so, dass man diese Hexe anklagt, da macht man einen Seitenwechsel durch." Und Joelie ergänzt: "Plötzlich wird man vom Opfer zum Mittäter und zeigt auf die, die man vorher verkörpert hat." Beide machen sich sehr bewusst, dass solche bedrohlichen gesellschaftlichen Prozesse keineswegs "von gestern" sind. Doch den Unterschied zu ähnlichen Situationen unserer Zeit bringt Inga auf den Punkt: "Die heutige Gesellschaft weiß, dass es falsch ist, zu mobben und auszugrenzen. Das Opfer wird unterstützt, während es damals von allen gemeinsam fertiggemacht wurde."

Großen Spaß machen beiden Mädchen die Kleider – eines für Margarethe, ein anderes für das "Mädchen aus dem Volk" und dann noch das Kerkerhemd. "Wir brauchen sechs Kostüme, denn ich bin 1,80 Meter groß und Joelie 1,62", erzählt Inga und lacht. "Da kann man nichts austauschen." 

Beide sind jetzt schon reichlich eingespannt. "Man entwickelt eine gewisse Routine", erzählt Inga. "Morgens Schule, dann Proben, dann Lernen, und wenn dann noch was geht, Freunde treffen." Und Joelie setzt hinzu: "In der Woche ist es oft sehr stressig, aber es lohnt sich eben so sehr, das zu machen."