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Die Ruhe vor dem Lampenfieber

Domfestspiele Verden: In der Kostümwerkstatt werden zurzeit 85 verschiedene Verkleidungen vorbereitet. Im Laufe der Jahre hat sich ein riesiger Fundus angesammelt. 

Von Susanne Ehrlich

Verden. Kleider machen Leute – das gilt auch für die Domfestspiele. In der Kostümwerkstatt am Norderstädtischen Markt gibt es einen großen Fundus an historischen Gewändern, Perücken und Accessoires aus vielen Stil-Epochen, aber es wird auch viel selbst geschneidert, geändert oder raffiniert aufgepeppt. In den Atelierräumen geht es zugleich höchst professionell und sehr persönlich zu, denn hier haben Frauen das Sagen.

Bald beginnen die ersten Kostümproben, und jetzt müssen in kürzester Zeit 80 Darsteller mit dem richtigen Outfit versorgt werden. Heute ist es wie im Taubenschlag. Gerade haben Helga Scherdin und Katrin Ellmers die "Bürgersfrau Beate Böschen" alias Agnes Weehus am Wickel: "Ich bin eine Frau aus dem Volk, aber so ein bisschen gehoben". Die Ständegesellschaft des ausgehenden Mittelalters muss sich nämlich bis ins Detail widerspiegeln, und dafür hat man hier das richtige Händchen.

Echtes Urgestein

Beate Ambroselli ist ein echtes Domfestspiel-Urgestein. "Bevor Dieter Jorschik nach Verden kam, waren wir eine Zeit lang ein Paar", erzählt die gelernte Modedesignerin. "Wir blieben auch später befreundet. In Jever hatte ich schon eine Produktion mit ihm gemacht, als er mich 1998 nach Verden holte." Ganz genau erinnert sie sich an den Tag, an dem sie mit Björn Emigholz ins Bremer Theater fuhr, um dort Kostüme auszuleihen. "Wir hatten ja nichts", sagt sie und lacht. "Und später bin ich dabeigeblieben, weil es so großen Spaß macht." In folgenden Produktionen reisten auch mal barocke Gewänder aus Babelsberg oder Biedermeier-Kostüme aus Oldenburg an, doch zu Anfang blieb die Beschaffung eine echte Herausforderung. "Für 'Liebesleid und Mauerstreit' haben wir eine ganze Reihe Kostüme in Polen nähen lassen, weil das billiger war", erzählt Ambroselli. "Das war dann alles Synthetik, und die hatten Reißverschlüsse." Da blutete das Herz der stilkundigen Kostüm-Spezialistin.  

Marga Prange und Helga Scherdin sind 1989 in die Kostümproduktion eingestiegen. Im Heimatverein Walle hatten sie seinerzeit die berühmten "Kartoffelmäuse" geschneidert, und Jorschik war zu Ohren gekommen, dass es da zwei geschickte Damen gäbe. "Er fragte uns, ob wir Zeit hätten", erzählt Prange, und dann blieben sie dabei. "Mein Mann sagt jedes Mal, das war aber das letzte Mal, doch wenn es wieder losgeht, dann packt uns das Virus, und dann müssen wir wieder mitmachen."

Großer Fundus

Scherdin erinnert sich: "Damals war alles noch ganz anders, total improvisiert." Weil es nicht genug Stoff gab, habe man einen Aufruf in der Presse gestartet. "Und dann haben uns alle ihre alten Übergardinen geschickt." Aus der Gardinen-Flut wurden dann vor allem Röcke und Hemden in Hülle und Fülle. Sie gingen ein in den großen Fundus, der mit jeder Produktion wächst. 

Auch Katrin Ellmers, Ulrike Specketer und Kaline Dibbern haben alle Hände voll zu tun. Katrin Ellmers ist sogar gelernte Schneiderin: "Ich hatte früher ein eigenes Patchwork-Geschäft." Heute arbeitet sie zwar als Erzieherin, "aber die Schnei­derei bleibt in den Fingern".

Bei jeder Produktion muss darauf geachtet werden, den Stil der jeweiligen Epoche zu treffen. "Diesmal ist es ein fließender Übergang von der spanischen Mode zur Zeit des 30-jährigen Krieges", erklärt Ambroselli. "Die spanischen Elemente sind noch sichtbar: Pumphosen, Mühlsteinkragen und aufwendige Fältelungen, gedeckte dunkle Farben, hochgeschlossene Kleider." Die neu aufkommende Mode sei viel opulenter gewesen: "So wie bei den drei Musketieren, und für die Frauen fließende farbenfrohe Stoffe und viel Dekolleté." Die beiden Mätressen des Bischofs hätten sich mächtig gefreut, erzählt Prange. "Die kamen in ihren Jeans und Shirts herein, und dann bekamen sie diese edlen Kleider." 

In diesem Jahr gibt es mehr als 85 Kostüme, für manche Darsteller werden sogar mehrere gebraucht. "Wir haben gerade ein paar ganz tolle Hüte bekommen", freut sich Ambroselli. Und für die Schuhe, die immer das größte Problem darstellen, gibt es einen simplen Trick: Die Frauen haben aus festen Gold- und Silber-Klebefolien große Schnallen geschnitten. Helga Scherdin zeigt ein ganzes Arsenal in allen Größen. "Einfach draufkleben, sieht richtig echt aus."

Die ganze Zeit über wird geschnackt, gelacht, miteinander herumgealbert – genau wie man sich eine Nähstube vorstellt. Auch Ralf Böse hat seinen Spaß bei der Anprobe. Der Vorsitzende des Vereins Verdener Domfestspiele spielt den reichen Bürger Johann Friese. "Na das ist doch mal schön, wenn sich so viele Frauen um einen bemühen", feixt er. "Ich fühl' mich wie der Hahn im Korb." Böse ist sehr zufrieden mit seinem Kostüm: "Das passt perfekt zur Rolle und ist wirklich toll geworden." 

Hinter dem munteren Treiben in der Schneiderwerkstatt steht jede Menge Organisation, Koordination und Sachkunde. Die Abstimmung mit der Regie ist Marga Pranges Job. "Da muss so viel überlegt werden: Wie die Kostümwechsel blitzschnell funktionieren können, ob sich die Darsteller im Kostüm so bewegen können, wie es die Szene verlangt, ob die Kostüme einer Familie oder Darsteller-Gruppe auch zueinander passen."    

Und all das ist ja nur die Ruhe vor dem Sturm. Wenn die Proben auf dem Platz beginnen, müssen die Kostüme fachgerecht – also hängend und mit viel Platz dazwischen – angeliefert werden. Dann müssen alle Darsteller in allen Szenen richtig ihren Kostümen zugeordnet und auch alle Accessoires am richtigen Ort sein. Und spätestens dann bekommt auch das routinierte Kostümbildner-Team so richtig Lampenfieber.